{"id":63295,"date":"2018-11-19T00:00:00","date_gmt":"2018-11-19T00:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.mozilla.org\/foxtail\/2018\/11\/19\/teil-1-man-muss-sie-zwingen-spuren-zu-hinterlassen\/"},"modified":"2018-11-19T00:00:00","modified_gmt":"2018-11-19T00:00:00","slug":"teil-1-man-muss-sie-zwingen-spuren-zu-hinterlassen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.mozilla.org\/de\/unkategorisiert\/teil-1-man-muss-sie-zwingen-spuren-zu-hinterlassen\/","title":{"rendered":"Der Gro\u00dfangriff auf die Privatsph\u00e4re ist eine deutsche Erfindung."},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_1077\" aria-describedby=\"caption-attachment-1077\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-1077 size-medium\" src=\"http:\/\/blog.mozilla.org\/wp-content\/blogs.dir\/278\/files\/2018\/11\/FoxBag_card_1-300x400.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"400\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1077\" class=\"wp-caption-text\">Illustration: Jonas Bergstrand<\/figcaption><\/figure>\n<p><i>In den achtziger und neunziger Jahren war das Recht auf Privatsph\u00e4re in Deutschland eine zentrale Forderung der B\u00fcrgerrechtsbewegung. Millionen von Menschen gingen auf die Stra\u00dfe und protestierten gegen die Speicherung von pers\u00f6nlichen Informationen. Heute wehren sich nur wenige Menschen gegen den t\u00e4glich Einbruch in ihre Privatsph\u00e4re, obwohl man schon beim Er\u00f6ffnen eines Facebook-Accounts mehr pers\u00f6nliche Daten preisgeben muss als in den gro\u00dfen staatlichen Volksbefragungen der achtziger Jahre. Dieser Essay behandelt in drei Teilen den Zusammenhang von Metadaten und Privatsph\u00e4re. Er verweist auf die Urspr\u00fcnge in den 1970er Jahren und versucht zu erkl\u00e4ren, weshalb die Deutschen ein besonderes Verh\u00e4ltnis zur Privatsph\u00e4re haben. <\/i><\/p>\n<p>Anfang der 1980er Jahre k\u00fcndigte die Regierung der Bundesrepublik Deutschland eine bundesweite Volksz\u00e4hlung f\u00fcr den 27. April 1983 an. Dies war an sich nichts Ungew\u00f6hnliches. Es hatte nach dem Krieg mehrere Z\u00e4hlungen gegeben, um mehr Klarheit \u00fcber die krassen Ver\u00e4nderungen in der Bev\u00f6lkerung zu bekommen. Noch in den 1960er Jahren konnte niemand genau sagen, wie viele Deutsche zwischen 1933 und 1945 get\u00f6tet, geflohen oder ihren Wohnsitz verloren hatten. Allein die Sch\u00e4tzungen der Kriegstoten schwankte erheblich zwischen 5,5 und 6,8 Millionen Menschen. Die Notwendigkeit dieser Z\u00e4hlungen war leicht einzusehen und die Bev\u00f6lkerung akzeptierte sie weitgehend ohne Protest. Doch Anfang der achtziger Jahre hatte sich die Lage ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Im Februar 1981 demonstrieren 100.000 Menschen gegen den Bau eines Atomkraftwerkes in Brockdorf &#8211; einem norddeutschen Dorf mit tausend Einwohnern. Im November 1981 gingen in Wiesbaden mehr als 120.000 Menschen gegen den Bau einer neuen Startbahn des Frankfurter Flughafens auf die Stra\u00dfe. Als der US-Pr\u00e4sident Ronald Reagan im Juni 1982 Deutschland besuchte, fand in der damaligen Hauptstadt Bonn eine Demonstration mit rund 500.000 Menschen gegen den Nato-Doppelbeschluss statt.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1025\" aria-describedby=\"caption-attachment-1025\" style=\"width: 3659px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-1025 size-full\" src=\"http:\/\/blog.mozilla.org\/wp-content\/blogs.dir\/278\/files\/2018\/10\/Massale_vredesdemonstratie_in_Bonn_tegen_de_modernisering_van_kernwapens_in_West_Bestanddeelnr_253-8612-copy.jpg\" alt=\"\" width=\"3659\" height=\"2449\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1025\" class=\"wp-caption-text\">Friedens-Demonstration in Bonn 1981. Foto: Creative Commons<\/figcaption><\/figure>\n<p>Teile der Deutschen Bev\u00f6lkerung demonstrierten sich in einen Rausch und \u00fcbten durch die physische Pr\u00e4senz als Demonstranten erheblichen Druck auf die v\u00f6llig konsternierte Regierung aus. In dieser Situation, ein Jahr vor dem Orwellschen Jahr 1984, nach zehn Jahren Terrorismus der RAF und Rasterfahndung, exakt 50 Jahre nachdem die Nationalsozialisten die Macht in Deutschland \u00fcbernommen hatten, war es sicher keine gute Idee, die Bev\u00f6lkerung nach pers\u00f6nlichen Daten zu fragen.<\/p>\n<p><strong>Darf der das? Der Computer in der Gesellschaft<\/strong><\/p>\n<p>In den siebziger Jahren hatte sich an den Universit\u00e4ten n\u00e4mlich noch eine andere Bewegung formiert und es zeigte sich, dass die Proteste gegen die Volksz\u00e4hlung durch sie noch eine andere Bedeutungsebene bekamen: die Rolle des Computers in der Gesellschaft. Diese Diskussion hatte Ende der 1960er Jahre begonnen und ging im Kern darum, ob die neuen Methoden der Datenspeicherung und Datenverarbeitung in einen \u00dcberwachungsstaat m\u00fcnden k\u00f6nnten. Explosiv war vor allem die Frage, wer welche Daten zu welchem Zweck erheben, speichern und auswerten durfte.<\/p>\n<p>Eine der f\u00fchrenden Figuren in dieser Diskussion war der aus Griechenland eingewanderte Wissenschaftler Spiros Simitis, auch bekannt unter dem Namen \u201cProf. Dr. Datenschutz\u201d. Der Rechtswissenschaftler hatte sich als einer der ersten f\u00fcr den Schutz von pers\u00f6nlichen Informationen eingesetzt und 1970 in Hessen <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/pionier-beim-datenschutzgesetz-eine-originaer-hessische.976.de.html?dram:article_id=409621\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">das erste Datenschutzgesetz der Welt<\/a> durchgesetzt. Der Kern dieses Gesetzes bildet bis heute unver\u00e4ndert das Ziel aller Datenschutz-Bem\u00fchungen: Wer Daten erhebt, muss verbindlich definieren, zu welchem Zweck er sie erhebt. Er muss sich verpflichten, die Daten nur zu diesem definierten Zweck zu nutzen und hat sich dann an diese Verpflichtung zu halten.<\/p>\n<p>Doch genau in dem Jahr, in dem Simits das erste Datenschutzgesetz feierte, befreite ein Kommando um die ehemalige Journalistin Ulrike Meinhof den in Berlin inhaftierten Terroristen Andreas Baader. Die Gruppe setzte sich nach Jordanien ab, lie\u00df sich milit\u00e4risch ausbilden und ver\u00fcbte in den folgenden Jahren unter dem Namen Rote Armee Fraktion \u201cgezielt t\u00f6dliche Aktionen\u201d, wie es im Terroristen-Jargon hie\u00df. Diese v\u00f6llig neue Bedrohung des Staates und seiner Eliten erforderte neue Kompetenzen und Pers\u00f6nlichkeiten, sodass es in der R\u00fcckschau nicht erstaunt, dass ein Mann wie <a href=\"http:\/\/www.rijo.homepage.t-online.de\/pdf\/DE_DE_45_herold.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Horst Herold<\/a> zu einem der bekanntesten M\u00e4nner der Bundesrepublik aufstieg und im Fernsehen Ende der siebziger Jahre h\u00e4ufiger zu sehen war als der Bundeskanzler.<\/p>\n<p>Der ehemalige Frontsoldat Herold war in N\u00fcrnberg unter Kommunisten aufgewachsen und hatte Zeit seines Lebens Sympathien f\u00fcr politische Positionen der Linken. Gleichzeitig besa\u00df er ein ausgepr\u00e4gtes technisches Interesse und eine \u00fcberragende F\u00e4higkeit zu systematisch-strategischem Denken. Als Leiter der Kriminalpolizei seiner Heimatstadt erkannte er als erster die M\u00f6glichkeiten von Big Data f\u00fcr den Fahndungserfolg und Verbrechenspr\u00e4vention durch Computertechnologien.<\/p>\n<p><strong>Algorithmus gegen Terrorismus? <\/strong><\/p>\n<p>Mit Hilfe einer neuen datengest\u00fctzten \u201cKriminalgeologie\u201d konnte er um das Jahr 1970 auf der Basis von zur\u00fcckliegenden Verbrechen die Wahrscheinlichkeit eines neuen Verbrechens in einer bestimmten Region zu einer bestimmten Zeit voraussagen und gro\u00dfe Erfolge mit dieser Methode erzielen. Als Pr\u00e4sident der Bundeskriminalamtes, zu dem er 1971 ernannt wurde, erfand er die \u201c<a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/digital\/datenschutz\/2013-10\/horst-herold-bka-rasterfahndung\/seite-2\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">negative Rasterfahndung<\/a>\u201d, die durch den Abgleich verschiedener Datenbanken 1979 zur Verhaftung des Terroristen Rolf Gerhard Hei\u00dfler f\u00fchrte.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1026\" aria-describedby=\"caption-attachment-1026\" style=\"width: 600px\" class=\"wp-caption alignright\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-1026 size-large\" src=\"http:\/\/blog.mozilla.org\/wp-content\/blogs.dir\/278\/files\/2018\/10\/BKA-600x408.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"408\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1026\" class=\"wp-caption-text\">Horst Herold erkl\u00e4rt das Rechenzentrum des Bundeskriminalamtes. Foto BKA.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Das BKA wusste damals, dass sich die Terroristen in Frankfurt aufhielten und ihre Stromrechnung nicht von ihrem eigenen Konto \u00fcberweisen konnten, denn dann w\u00e4re ihr Name in der Kartei der Stadtwerke aufgetaucht und f\u00fcr die Polizei sichtbar gewesen. Zum Kreis der Verd\u00e4chtigen z\u00e4hlten folglich alle B\u00fcrger der Stadt Frankfurt, die ihre Stromrechnung bar bezahlten und deren Namen sich nicht als echte Namen verifizieren lie\u00dfen. Es waren drei Personen, von denen einer der Terrorist war.<\/p>\n<p>Die Deutschen lernten die Einsatzm\u00f6glichkeiten des Computers also durch die Rasterfahndung und die damit verbundene gr\u00f6\u00dfte Polizeiaktion der Nachkriegsgeschichte kennen. Der Staat f\u00fchrte ihnen nicht nur vor, wie viele Daten er \u00fcber seine B\u00fcrger speichert, sondern auch welche Spuren jeder Einzelne durch die Daten hinterl\u00e4sst. Viele Menschen f\u00fchlten sich durch diese Methode zu Unrecht kriminalisiert und behielten ein Gef\u00fchl von Misstrauen gegen\u00fcber Staat und Computer zur\u00fcck. Denn auch wenn die negative Auslese der Rasterfahndung den Kreis der Verd\u00e4chtigen schnell verkleinerte, stellte sie anf\u00e4nglich doch sehr viele B\u00fcrger formal unter Verdacht.<\/p>\n<p>Herold selbst sprach in der \u00d6ffentlichkeit regelm\u00e4\u00dfig davon, dass er die Terroristen \u201czwingen wolle, Spuren zu hinterlassen\u201d, was sicher nicht dazu beigetragen hat, das Mi\u00dftrauen zu zerstreuen. Eine Wunderwaffe konnte das BKA mit seinen Computeranalysen au\u00dferdem nicht vorweisen. Den Mord am Arbeitgeberpr\u00e4sidenten <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/einestages\/entfuehrung-von-hanns-martin-schleyer-vergessene-opfer-der-raf-a-1165562.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Hans Martin Schleyer<\/a>, den aller Wahrscheinlichkeit der oben erw\u00e4hnte Rolf Gerhard Hei\u00dfler exekutiert hatte, konnten auch siebzigtausend Hinweise aus der Bev\u00f6lkerung nicht verhindern. Jemand hatte vergessen, den entscheidenden Hinweis in die Datenbank einzugeben.<\/p>\n<p><strong>Ist Privatsph\u00e4re ein Grundrecht?<\/strong><\/p>\n<p>Im zwanzigsten Jahrhundert kam nur die Regierung f\u00fcr eine Datensammlung in Frage, die gro\u00df genug war, um eine Gesellschaft zu ver\u00e4ndern. Private Unternehmen spielten hingegen keine Rolle\u00a0\u2013 im Gegenteil: Privatisierung schien eine der m\u00f6glichen L\u00f6sungen gegen die Datenhoheit des Staates zu sein. Am Ende hat der Staat aber bis heute die l\u00e4ngeren Hebel und das einzige Mittel, die Zust\u00e4nde zu beeinflussen, war damals wie heute der Druck von der Stra\u00dfe. In der Zeit vor dem Internet musste die Bev\u00f6lkerung freilich physisch auftreten, um eine Regierung zu einem Richtungswechsel zu bewegen \u2013 und weil von der parlamentarischen Opposition kein Widerspruch zu erwarten war, mussten die Protestierenden die Gerichte auf ihre Seite bringen.<\/p>\n<p>Als Schl\u00fcsselfigur des Datenschutzes in Deutschland beriet Simitis, der 1979 kennzeichnender Weise noch an einem Buch mit dem Titel \u201cder Weg in den totalen \u00dcberwachungsstaat\u201d mitgearbeitet hatte, selbstverst\u00e4ndlich auch die Bundesregierung bei der Erarbeitung des Volksz\u00e4hlungsgesetzes. Er hatte als einer der wenigen fortschrittlich orientierten Gutachter auch verfassungsrechtliche Bedenken ge\u00e4u\u00dfert, doch die Bundesregierung nahm diese nicht ernst. Ihre Geduld war am Ende.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1032\" aria-describedby=\"caption-attachment-1032\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-1032\" src=\"http:\/\/blog.mozilla.org\/wp-content\/blogs.dir\/278\/files\/2018\/10\/Titel-1983-32-300x393.jpeg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"393\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1032\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 DER SPIEGEL 32\/1983<\/figcaption><\/figure>\n<figure id=\"attachment_1031\" aria-describedby=\"caption-attachment-1031\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-1031 size-medium\" src=\"http:\/\/blog.mozilla.org\/wp-content\/blogs.dir\/278\/files\/2018\/10\/Titel-1983-01-300x395.jpeg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"395\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1031\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 DER SPIEGEL 1\/1983<\/figcaption><\/figure>\n<p>Nach vier Jahren Beratungszeit wollte sie die Volksz\u00e4hlung endlich durchf\u00fchren. Eine Verz\u00f6gerung oder gar ein Scheitern h\u00e4tten einen Gesichtsverlust der neuen konservativen Regierung mit dem neuen Kanzler Helmut Kohl bedeutet, die sich 1982 erst durch ein Misstrauensvotum gegen Bundeskanzler Helmut Schmidt selbst an die Macht gebracht hatte und diese 1983 in einer vorgezogenen Wahl best\u00e4tigen lassen sollte.<\/p>\n<p>Die Regierung wollte auch keine einzelnen Fragen aus dem Katalog herausnehmen, denn sie hatte bereits <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/print\/d-14022688.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">370 Millionen Mark<\/a> in den Haushalt eingestellt und wollte f\u00fcr dieses Geld naturgem\u00e4\u00df so viele Daten wie nur m\u00f6glich erheben. Da die Volksz\u00e4hlung noch von der sozialdemokratischen Vorg\u00e4ngerregierung initiiert worden war, h\u00e4tte auch die Opposition ihr Gesicht verloren, wenn herausgekommen w\u00e4re, dass die Volksz\u00e4hlung die Privatsph\u00e4re der B\u00fcrger verletzt. Der Widerstand konnte deshalb nur aus der Bev\u00f6lkerung kommen und die musste den Protest erst einmal organisieren.<\/p>\n<p>Eine entscheidende Pers\u00f6nlichkeit in der Organisation dieses Protestes war der Hamburger Informatik-Professor <a href=\"https:\/\/www.ccc.de\/de\/updates\/2015\/brunnstein\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Klaus Brunnstein<\/a>. Er hatte wie Sinitis in Marburg studiert, war als promovierter Physiker nach Hamburg gegangen und hatte dort den Studiengang Informatik mitbegr\u00fcndet. Als junger Professor teilte er die skeptische Grundhaltung der neuen Studentengeneration gegen\u00fcber Staat, Beh\u00f6rden und gro\u00dfen Unternehmen. Weil er als Informatiker wusste, welche M\u00f6glichkeiten die Datenverarbeitung bot\u00a0\u2013 im positiven wie im negativen Sinne\u00a0\u2013 ging es in seiner ersten einf\u00fchrenden Vorlesung in das Fach Informatik stets um die ethischen Grundlagen der Computer-Technologien.<\/p>\n<p>Als die Statistiker der Bundesregierung Anfang der 80er Jahre die Volksz\u00e4hlung immer wieder mit dem Argument verteidigten, die erhobenen Daten w\u00fcrden doch anonymisiert, f\u00fchrte er mit einer jungen Diplomandin den Beweis vor, dass alle anonymisierten Daten leicht re-identifiziert werden k\u00f6nnten. Man m\u00fcsse lediglich die erhobenen Daten mit bereits vorhandenen Daten, etwa aus der Einwohnermeldekartei, koppeln und schon k\u00f6nne man die anonymisierten Datens\u00e4tze wieder mit einer konkreten Person verbinden. Brunstein klagte mit einigen anderen vor dem Bundesverfassungsgericht.<\/p>\n<p>Das Urteil des Gerichts war in seiner Deutlichkeit vollkommen \u00fcberraschend und f\u00fcr den Schutz der Privatsph\u00e4re in etwa das, was f\u00fcr die Presse die \u201cSpiegel-Aff\u00e4re\u201d von 1962 oder Entscheidung des Obersten Gerichtshofes f\u00fcr die New York Times im Fall der Ver\u00f6ffentlichung der <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=zcfyuDgnwXI\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Pentagon Papers 1971<\/a> war. Das Bundesverfassungsgericht verbot die Volksz\u00e4hlung mit der Begr\u00fcndung, dass zu viele pers\u00f6nliche Informationen abgefragt und die Daten viel zu lange gespeichert werden sollten.<\/p>\n<p>Wenn die B\u00fcrger der Bundesrepublik, so das Gericht, davon ausgehen m\u00fcssen, dass der Staat ihr Verhalten jederzeit speichert und beobachtet, werden sich immer weniger Menschen anders als die gro\u00dfe Mehrheit verhalten. Eine Demokratie lebe aber von individuellem Verhalten und von Menschen, die Bestehendes kritisch hinterfragen. Die Volksz\u00e4hlung sei deshalb nicht nur ein Angriff auf die Privatsph\u00e4re, sondern auf die Demokratie. Sie blockiere alternatives Verhalten und sei deshalb mit der Verfassung nicht zu vereinbaren.<\/p>\n<p>Die Bundesregierung gab nicht auf. Sie verschob die Volksz\u00e4hlung um vier Jahre auf das Jahr 1987 und strich nun doch zahlreiche Fragen aus ihrem Katalog. Doch der Protest-Motor war auf Temperatur gekommen. Tausende Flugbl\u00e4ttern gingen von Hand zu Hand und Telefonketten, die im Rahmen der gro\u00dfen Protestbewegung dieser Jahre entstanden waren, verfestigten ein Netzwerk, von denen B\u00fcrgerbewegungen in Deutschland bis heute profitieren.<\/p>\n<p>An die Berliner Mauer klebten Aktivisten hunderte unausgef\u00fcllte Frageb\u00f6gen. Im gr\u00f6\u00dften deutschen Fu\u00dfballstadion schrieben Demonstranten <a href=\"https:\/\/www.11freunde.de\/artikel\/volkszaehlung-wie-erich-ruettel-einen-boykottaufruf-verhinderte\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">kurz vor einem Bundesligaspiel<\/a> zwischen Borussia Dortmund und dem HSV in riesigen Buchstaben die Parole \u201cboykottiert und sabotiert die Volksz\u00e4hlung\u201d mitten auf den Rasen. Der Platzwart wusste sich nicht zu helfen, denn ohne den Rasen zu ramponieren, lie\u00df sich die Schrift nicht mehr entfernen. In seiner Not rief er beim Bundespr\u00e4sidenten an und man kam auf die Idee, die Parole zu erg\u00e4nzen und umzudeuten, so dass die Fans vor dem Spiel lasen: \u201c<em>der Bundespr\u00e4sident: <\/em>Boykottiert und sabotiert die Volksz\u00e4hlung <em>nicht\u201d. <\/em><\/p>\n<figure id=\"attachment_1030\" aria-describedby=\"caption-attachment-1030\" style=\"width: 600px\" class=\"wp-caption alignright\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-1030 size-large\" src=\"http:\/\/blog.mozilla.org\/wp-content\/blogs.dir\/278\/files\/2018\/10\/fu\u00dfball-600x394.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"394\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1030\" class=\"wp-caption-text\">Fu\u00dfball Bundesligaspiel zwischen Borussia Dortmund und dem HSV 1987. Foto: imago.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Als die Volksz\u00e4hlung schlie\u00dflich 1987 stattfand, beteiligten sich mehrere Millionen B\u00fcrger am Boykott oder f\u00fcllten die B\u00f6gen falsch aus. Die Beh\u00f6rden verschicken zwar Bu\u00dfgeldbescheide und leiteten Strafverfahren ein, doch die meisten wurde am Ende eingestellt. Die Bundesregierung h\u00e4tte ihre Daten nun endg\u00fcltig auswerten k\u00f6nnen. Doch dann fiel die Mauer.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<hr \/>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Eine Serie in drei Folgen:<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"https:\/\/blog.mozilla.org\/internetcitizen\/de\/2018\/11\/15\/teil-2-wenn-wir-das-wuessten-genossen-waeren-wir-ueber-alles-hinaus\/\">Teil 2: \u00bbWenn wir das w\u00fc\u00dften, Genossen, w\u00e4ren wir \u00fcber alles hinaus\u00ab\u00a0<\/a> >><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den achtziger und neunziger Jahren war das Recht auf Privatsph\u00e4re in Deutschland eine zentrale Forderung der B\u00fcrgerrechtsbewegung. Millionen von Menschen gingen auf die Stra\u00dfe und protestierten gegen die Speicherung von pers\u00f6nlichen Informationen. 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