{"id":63302,"date":"2018-12-27T00:00:00","date_gmt":"2018-12-27T00:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.mozilla.org\/foxtail\/2018\/12\/27\/grosse-tech-firmen-koennen-bald-gedanken-lesen\/"},"modified":"2018-12-27T00:00:00","modified_gmt":"2018-12-27T00:00:00","slug":"grosse-tech-firmen-koennen-bald-gedanken-lesen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.mozilla.org\/de\/datenschutz-sicherheit\/grosse-tech-firmen-koennen-bald-gedanken-lesen\/","title":{"rendered":"Gedanken kann keiner erraten? Tech Firmen arbeiten daran."},"content":{"rendered":"<p>Versuche, die Gedanken anderer Menschen lesen zu k\u00f6nnen, sind so alt wie die Menschheit selbst. Denn wie vorteilhaft w\u00e4re es, wenn wir w\u00fcssten, was ein potenzieller Partner oder Gegner \u00fcber uns denkt, was seine Vorlieben, St\u00e4rken und Schw\u00e4chen sind. Bislang sind alle Experimente gescheitert. Ger\u00e4te wie der L\u00fcgendetektor waren weit davon entfernt, Gedanken eines Menschen au\u00dferhalb von ihm selbst zu rekonstruieren. Das Internet bietet jetzt aber ganz neue M\u00f6glichkeiten und wir fragen uns, wie lange Gedanken \u2013 der Kern unserer Privatsph\u00e4re \u2013 in Zukunft noch vor dem Zugriff von au\u00dfen gesch\u00fctzt sind.<\/p>\n<p>Ich habe mit Prof. Dr. Lutz Hachmeister gesprochen, Autor, preisgekr\u00f6nter Filmemacher und intellektueller Taktgeber der deutschen Medienpolitik. In K\u00f6ln hat Hachmeister k\u00fcrzlich zu einem Colloquium mit dem Thema \u201eBrain reading und soziale Kontrolle\u201d eingeladen und ich wollte wissen, ob die Technik des Gedankenlesens etwas ist, was eine neue Perspektive auf die Algorithmen des Internets erlaubt.<\/p>\n<p><b>Die Gedanken sind frei, hei\u00dft ein altes Volkslied. Gilt das noch?<\/b><\/p>\n<blockquote><p>Sehr eingeschr\u00e4nkt. Ganz abgesehen davon, dass die individuelle Gedankenproduktion schon immer sehr stark durch genetische Vorgaben und auch durch gesellschaftliche Erfahrungen gepr\u00e4gt ist. Aber wenn wir vom \u201cGedankenlesen\u201d sprechen, gibt es, abgesehen von Spiritismus und Parapsychologie, ja wesentlich zwei Aspekte: \u00a0zum einen nichtinvasive Messungen am Gehirn oder auch direkte medizinische Eingriffe ins Gehirn, um Bewu\u00dftsein zu decodieren oder die Strukturen der Gedankenproduktion zu erforschen. Das ist bislang, zum Gl\u00fcck, nur eingeschr\u00e4nkt m\u00f6glich und mit gro\u00dfen methodischen und experimentellen Schwierigkeiten behaftet.<\/p>\n<p>Ein anderer Weg ist erfolgreicher beschritten worden, vor allem seit dem Aufkommen des Internets. Ich nenne das den Externalisierungsmodus, also der Versuch, Gedanken, die wir in Form von Sprache, Bildern oder auch Musik in das Netz eingeben, algorithmisch zu untersuchen und zu kategorisieren. Dazu kommt das ganz individuelle Tracking, weil alle, die in Netzwerke oder Plattformen eingebunden sind, Gedanken in sehr hoher Taktung \u00e4u\u00dfern, sei es durch Kaufverhalten oder politische Stellungnahmen. Eine tendenziell totalit\u00e4re Digitalisierung f\u00f6rdert diese konstanten Messungen.<\/p>\n<p>Das sind die zwei Seiten der Medaille. Daten- und Wissenskonzerne haben bei der externalisierten Methode des Gedankenlesens enorme Fortschritte gemacht. Die Ergebnisse dienen einem beschleunigten Datenkapitalismus, werden in jeder Form ausgewertet, zur W\u00e4hrung gemacht &#8211; und ein Teil der gigantischen Erl\u00f6se flie\u00dft wiederum in die Erforschung und Kategorisierung der Gedankenstr\u00f6me zur\u00fcck.<\/p><\/blockquote>\n<p><b><br \/>\nWas soll das \u00fcberhaupt sein \u2013 ein Gedanke?<\/b><\/p>\n<blockquote><p>Damit sind wir mitten in einem jahrhundertealten philosophischen Get\u00fcmmel. Frege und Husserl haben im 20. Jahrhundert vor allem intentionale Akte vom st\u00e4ndigen Bewusstseinsstrom unterschieden, Frege spricht explizit vom \u201cGedanken fassen\u201d. Damit wird das Gedankenproblem sehr nah an sprachlogische Analysen ger\u00fcckt. Wir verbalisieren ja auch st\u00e4ndig Gedanken, selbst dann, wenn wir nicht sprechen. Aber wenn wir es nur von der materialistischen Seite angehen: so lange man nicht an so etwas wie den heiligen Geist oder spirituelle Entit\u00e4ten glaubt, k\u00f6nnen wir davon ausgehen, dass Gedanken Energie sind &#8211; also auch hypothetisch und faktisch zu messen sind. Der Begriff \u201cGedankenstrom\u201d hat ja einen sch\u00f6nen Doppelsinn.<\/p>\n<p>Es gibt dabei aber mehrere Kategorienprobleme. Zum Beispiel: Wann f\u00e4ngt ein Gedanke an, wann h\u00f6rt ein Gedanke auf? Wir sprechen ja zu Recht von Assoziationen und Gedankenketten. Einen einzelnen Gedanken zu isolieren und im Gehirn zu lokalisieren, scheint aufgrund der ungeheuer komplexen neuronalen Operationen kaum m\u00f6glich. Hinzu kommt, dass die elektrische Energie, den ein Gedanke erzeugt, oder aus dem er besteht, so schwach ist, dass er bislang kaum zu messen ist.<\/p>\n<p>Es ist bislang auch nicht gelungen, Gedankenstr\u00f6me au\u00dferhalb des Kopfes zu messen, obwohl man theoretisch annehmen kann, dass Gedanken au\u00dferhalb des Kopfes als Energie vorhanden sein m\u00fcssten. Dass die Forscher heute noch daran scheitern, die Komplexit\u00e4t der Gedankenstr\u00f6me zu messen, hei\u00dft aber nicht, dass es nicht m\u00f6glich ist.<\/p><\/blockquote>\n<p><b><br \/>\nDas Gedankenlesen war ja notwendigerweise immer eine Interpretationstechnik, denn es war, wie Du sagst, bislang unm\u00f6glich, medizinisch eine neurologische Einheit zu definieren, die einen Gedanken beschreibt. Glaubst Du, dass man den Gedanken eines Tages neurologisch entschl\u00fcsseln kann? <\/b><\/p>\n<blockquote><p>Ich glaube, dass man alles messen wird, was messbar ist. Die Schwierigkeiten, die es im Moment gibt, k\u00f6nnten ja in den Messger\u00e4ten begr\u00fcndet sein, nicht in der grunds\u00e4tzlichen Messbarkeit. Es gab auch eine Welt vor dem Mikroskop oder dem Teleskop, und mit beiden Instrumenten sind Welten entdeckt worden, von denen vorher niemand wusste, dass es sie gab: Mikroben zum einen und ferne Galaxien zum anderen.<\/p>\n<p>Durch neue Messinstrumente sind Welten entdeckt, neue Weltbilder konstituiert und alte umgest\u00fcrzt worden. So \u00e4hnlich kann man sich das in der Hirnforschung auch vorstellen. Man muss aber auch bedenken, dass Gedanken eben nicht \u201cGeist\u201d sind, sondern dass Gedanken immer immanent mit chemischen K\u00f6rperreaktionen verbunden sind \u2013 wenn wir nicht komplett transhumanistisch denken. Deshalb ist Norbert Wieners These, das Gehirn sei ein Computer, auch sehr unterkomplex, und deshalb tr\u00e4umten ja auch Internet-Euphoriker von einer Welt jenseits der \u201cWasserstoffmenschen\u201d.<\/p>\n<p>Mit dem Instrument des L\u00fcgendetektors hat man sich den Zusammenhang von Gedankenproduktion und K\u00f6rperreaktionen zu Nutze gemacht, indem vor allem Hautreaktionen gemessen werden. Das ist zwar nicht besonders zuverl\u00e4ssig, und als Methodik etwa in kriminologischen Verfahren sehr umstritten, aber es funktioniert im Gro\u00dfen und Ganzen doch erstaunlich gut.<\/p>\n<p>Auf der Konferenz, zu der wir k\u00fcrzlich eingeladen haben, ist lange \u00fcber den L\u00fcgendetektor gesprochen worden. Der L\u00fcgendetektor ist ja ein fr\u00fcher Versuch, der Wahrheit von Aussagen n\u00e4her zu kommen. Dabei ist nicht unerheblich, dass viele Probanden aus Angst vor dem L\u00fcgendetektor die Wahrheit sagen, also die Messinstrumente die Aussagenproduktion durch ihre blo\u00dfe Existenz beeinflussen.<\/p><\/blockquote>\n<p><b><br \/>\nEin uralter Menscheitstraum, nicht wahr?<\/b><\/p>\n<blockquote><p>Im 19. Jahrhundert grassierte das Ph\u00e4nomen der \u201cMedien\u201d, nicht im Sinne des heutigen Massenmedien-Verst\u00e4ndnisses, sondern im Sinne von Einzelpersonen, die besondere gedankenenergetische oder telepathische F\u00e4higkeiten f\u00fcr sich beanspruchten.<\/p>\n<p>Vor allem in Gro\u00dfbritannien, im viktorianischen Zeitalter, gab es viele ber\u00fchmte Medien, \u00a0teilweise hochbezahlte personale Medien, und es hat dann auch die Wissenschaftler sehr besch\u00e4ftigt, ob man mit Gedankenkraft zum Beispiel Gegenst\u00e4nde verr\u00fccken kann. In Deutschland ist das sp\u00e4ter noch einmal popul\u00e4r geworden durch Uri Geller, den L\u00f6ffelbieger im Fernsehen.<\/p>\n<p>In den meisten F\u00e4llen hat sich herausgestellt, dass es Scharlatanerie war. In Freiburg hat der Psychologe und Arzt Hans Bender \u201cGrenzgebiete der Psychologie\u201d gelehrt und 1950 auch ein entsprechendes Institut gegr\u00fcndet. Es ist ganz interessant, dass vor allem die nationalsozialistischen Sicherheitsdienste SS und der SD ein starkes Interesse hatten, ihn schon 1940 f\u00fcr die neu gegr\u00fcndete \u201cReichsuniversit\u00e4t Stra\u00dfburg\u201d zu verpflichten. Auch wenn das ziemlich obskur war, ist es doch ein Moment der Verwissenschaftlichung von Gedankenlesen und Telepathie. Neben dem L\u00fcgendetektor war die Erfindung des Elektroenzephalographie in den 1920er Jahren durch den Neurologen Hans Berger (nicht zu verwechseln mit Bender) ein entscheidender Sprung in der Analyse von Gehirnstr\u00f6men. Heute lesen wir st\u00e4ndig von Experimenten, in denen versucht wird, eine einfache gedankliche Operation \u2013 zum Beispiel das Denken an eine Farbe \u2013 zu lokalisieren, als digitales Datenpaket zu \u00fcbertragen und dann einem Probanden an einem anderen Ort mit Elektroden wieder zu implementieren- mit bislang eher m\u00e4\u00dfigem Erfolg. Am MIT wurden gerade mit einem \u201cAlterEgo\u201d genannten Neuro-Wearable \u201cneuromuskul\u00e4re Impulse\u201d am Gesicht gemessen, man geht dabei davon aus, dass auch \u201cinnere Monologe\u201d elektrische Impulse ans Gesicht aussenden.<\/p>\n<p>Das sind nat\u00fcrlich erst die Anf\u00e4nge des Anf\u00e4nge. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass wir bald einen komplizierten Gedanken wie \u201cMorgen kaufe ich mir vielleicht \u00a0ein s\u00fc\u00dfes Munchkin-K\u00e4tzchen\u201d von K\u00f6ln nach Australien \u00fcbertragen k\u00f6nnen. Aber wer wei\u00df.<\/p><\/blockquote>\n<p><b><br \/>\nWir waren beide zusammen vor l\u00e4ngerer Zeit auf einer Veranstaltung, auf der einer der Herausgeber der FAZ sagte, das Wesen des Internets sei die Geschwindigkeit. Das Netz habe nichts Neues erschaffen, sondern verbinde Dinge nur schneller. Das war aber noch vor Big Data. Ist das Gedankenlesen mittlerweile der Wesenskern des Internets geworden?<\/b><\/p>\n<blockquote><p>Bislang funktioniert das noch durch einen \u00dcbersetzungsmodus. Wir messen im Prinzip den Zusammenhang von Gedanken und Sprache, man kann auch Mimik dazu nehmen. Es ist aber immer eine Art von Ableitung, von \u00dcbersetzung.<\/p>\n<p>Es ist nicht das unmittelbare Messen eines Gehirnstroms, sondern wir selber nehmen eine Handlung vor, indem wir einen Willens- oder Sprechakt oder potenziellen Kaufakt durch ein weiteres Ger\u00e4t, etwa das Smartphone, in ein Netz eingeben, das Millionen und Milliarden anderer Willensakte und Sprachakte bereits gesammelt hat und uns aufgrund der gespeicherten Daten Antworten oder zumindest Optionen gibt.<\/p>\n<p>Ein gewichtiger Teil der KI-Forschung \u2013 und man kann lange dar\u00fcber streiten, ob KI wirklich k\u00fcnstlich ist, oder nicht eine logische Folge der soziotechnischen Evolution \u2013 hat ja mit der Computerlinguistik begonnen, also mit Forschern wie Joseph Weizenbaum am MIT und seinem Projekt \u201cEliza\u201d \u2013 der sp\u00e4ter einer der h\u00e4rtesten Coputerkritiker wurde. \u00a0Das zeigt ja schon, dass die Transformation von Bewusstsein in Sprache einer der zentralen Zug\u00e4nge zu unseren Gedanken ist. Es gibt nat\u00fcrlich immer noch gro\u00dfe Ungenauigkeiten &#8211; als Folge von komplexen Grammatiken, Logiken, Konventionalit\u00e4ten. Vor allem aber auch, weil wir zwischen Gef\u00fchlen und rationalen Aussagen unterscheiden m\u00fcssen. Man kann zwar sagen, man hat Bauchweh, aber die rationale Aussage ist doch etwas anderes als das F\u00fchlen des Bauchwehs selber.<\/p><\/blockquote>\n<p><b><br \/>\nWie immer in der Geschichte, spielt das Milit\u00e4rische und das Polizeiliche eine gro\u00dfe Rolle als Treiber neuer Techniken. Aus welchem Kontext kommt das Gedankenlesen historisch und spielt diese Herkunft eine Rolle f\u00fcr den Stand der heutigen Technik? <\/b><\/p>\n<blockquote><p>Ja, ein Film wie \u201cM\u00e4nner, die auf Ziegen starren\u201d, erscheint zun\u00e4chst skurril, aber diese Experimente hat es ja gegeben. Geheimdienste sind von Anfang an mit Wahrheitsdrogen, Messungen von Gehirnstr\u00f6mungen, Erkennung von Sprachsystemen befasst gewesen und das wird nat\u00fcrlich immer weiter, in einer perversen Logik, perfektioniert. Jeder wei\u00df ja, wie eng der Zusammenhang von Geheimdiensten, milit\u00e4risch-industriellen Komplexen und den Medien- und Wissenskonzernen ist. Die Sprachanalyse ist und bleibt eine kardinale Aufgabe jeder Geheimdienstarbeit, ob in Ru\u00dfland, China oder in den USA- allerdings nicht so sehr in Deutschland, nehme ich mal an.<\/p>\n<p>Der US-Forscher Michael Kosinski ist ja mit einer Studie bekannt geworden. In der anhand der Analyse von Facebook-Likes mit hoher Wahrscheinlichkeit herausgefunden wurde, wer schwul ist oder Raucher oder konservativ. \u00a0Das ist vielleicht weniger verbl\u00fcffend, als es scheint, aber Kosinski ist auch starker Protagonist von \u201cno privacy\u201d, der also sagt, das freiwillige Preisgeben von Daten (und damit von \u00c4u\u00dferungen und Gedanken) ist letztlich vollkommen richtig und gut f\u00fcr die Menschen, weil wir durch die Datenakkumulation Krankheiten, Seuchen, assoziales Verhalten (vorausgesetzt, wir k\u00f6nnen uns darauf einigen, was das ist), Kriminalit\u00e4t fr\u00fcher erkennen, Das wird dann daf\u00fcr sorgen, dass wir sicherer leben, \u00e4lter, gl\u00fccklicher und ges\u00fcnder leben. Das blendet nat\u00fcrlich die Dialektik zwischen Digialisierung und psychphysischen Reaktionen weitgehend aus, und man muss sich immer fragen, wer solche Forschungen und Thesen finanziert.<\/p><\/blockquote>\n<p><b><br \/>\nTraditionell spielt die Gesichtserkennung eine gro\u00dfe Rolle beim Gedankenlesen. Augenbewegungen, Gestiken, Mimiken. Gro\u00dfe Tech-Unternehmen verf\u00fcgen heute \u00fcber unendlich viele Muster und Smartphones erkennen ja auch schon die Laune der Nutzer. Wie weit l\u00e4sst sich das treiben?<\/b><\/p>\n<blockquote><p>Das l\u00e4sst sich unendlich weit treiben. Mimik ist ja eine sehr direkte Form der Bewusstseins\u00e4u\u00dferung. Es ist eben nicht nur Sprache &#8211; auch wenn Sprache ein besonders interessantes Feld ist, weil sie strukturiert so codiert ist, dass ihr Bezug zu Gedanken klarer erscheint. Aber nat\u00fcrlich sind auch Laute und Gesichtsausdr\u00fccke in demselben Komplex evolution\u00e4r miteinander verwoben.<\/p><\/blockquote>\n<p><b><br \/>\nKann man nur das Individuum erforschen oder gibt es auch Ans\u00e4tze f\u00fcr eine Form von Massensuggestion?<\/b><\/p>\n<blockquote><p>Ich bin sehr skeptisch, was den Begriff \u201cMassensuggestion\u201d betrifft. Auch die fr\u00fchere \u201cMassenpsychologie\u201d hat sich ja eher als Sackgasse in der Propaganda- und Persuasionsforschung erweisen. Sicherlich l\u00e4\u00dft sich jeder Externalisierungsmodus auch auf Gruppen, Parteien, Unternehmen, Nationalstereotype anwenden, sonst g\u00e4be es Soziologie und Sozialpsychologie als akademische Disziplinen ja gar nicht.<\/p><\/blockquote>\n<p><b><br \/>\nDu hast schon darauf hingewiesen, dass der Einstieg in die Welt der Gedanken \u00fcber die Sprache am weitesten ist. Hier kommt die Forschung vor allem aus dem politischen Bereich, denken wir an Chomsky oder Lakoff. Viele dieser Ans\u00e4tze arbeiten mit zwei politischen Lagern \u2013 links und rechts \u2013 also 0 und 1, wie in der digitalen Welt. Sind die USA oder Gro\u00dfbritannien mit ihren zwei politischen Lagern besonders anf\u00e4llig f\u00fcr propagandistischen Missbrauch durch Algorithmen, weil man die W\u00e4hler nur in zwei Richtungen treiben kann?<\/b><\/p>\n<blockquote><p>Abgesehen davon, dass das Mehrheits-Wahlsystem in den USA und Gro\u00dfbritannien nat\u00fcrlich generell reformbed\u00fcrftig ist, muss man doch zwei Dinge unterscheiden. Zum einen gibt es das Wahlsystem selbst. Ein zementiertes Zwei-Parteiensystem macht es f\u00fcr andere Parteien in der Tat immer schwieriger, eine Rolle im Politikmarkt zu spielen und f\u00f6rdert dadurch die Bipolarit\u00e4t einer Gesellschaft, wie wir gerade in den USA unter Trump sehen. Das hat allerdings eine lange Geschichte.<\/p>\n<p>Eine andere Frage ist, ob ein simples Messinstrument, mit dem eine politische Gefolgschaft gemessen wird, beg\u00fcnstigt, dass es zu schlichteren Systemen kommt. Wenn man die Leute in nur zwei Kategorien einteilt, in eher konservativ oder eher progressiv, kann das durchaus normierend wirken, weil sich alles auf Fragen und Kriterien konzentriert, die diese Einteilung erm\u00f6glichen, wie beispielsweise: Ist man f\u00fcr f\u00fcr die Gleichberechtigung aller sexuellen Orientierungen oder kann man noch etwas mit dem Begriff der Nation oder mit Religion anfangen. Eine gr\u00f6bere Messung f\u00fchrt dann m\u00f6glicherweise auch zu einer Vergr\u00f6berung des politisch-propagandistischen Spektrums. Ich bin allerdings bislang nicht davon \u00fcberzeugt, dass russische oder iranische Trollfabirken oder Firmen wie Cambridge Analytica einen entscheidenden Einfluss auf die Wahl von Trump oder auf den Brexit hatten. Es gibt nat\u00fcrlich sehr knappe Wahlentscheidungen, die gleichsam mikro-propagandistisch beeinflu\u00dft werden k\u00f6nnen, mithilfe von digitalen Plattformen und Netzwerken. Aber ein analoges \u201crational choice\u201d der W\u00e4hler scheint mir immer noch ein entscheidendes Gegengewicht zu sein.<\/p><\/blockquote>\n<p><b><br \/>\nLutz Hachmeister. Wir danken f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Versuche, die Gedanken anderer Menschen lesen zu k\u00f6nnen, sind so alt wie die Menschheit selbst. Denn wie vorteilhaft w\u00e4re es, wenn wir w\u00fcssten, was ein potenzieller Partner oder Gegner \u00fcber uns denkt, was seine Vorlieben, St\u00e4rken und Schw\u00e4chen sind. Bislang sind alle Experimente gescheitert. 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