{"id":63347,"date":"2018-08-17T00:00:00","date_gmt":"2018-08-17T00:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.mozilla.org\/foxtail\/2018\/08\/17\/wenn-sie-online-sind-sind-sie-oeffentlich-oder-warum-es-kein-privacy-paradox-mehr-gibt\/"},"modified":"2018-08-17T00:00:00","modified_gmt":"2018-08-17T00:00:00","slug":"wenn-sie-online-sind-sind-sie-oeffentlich-oder-warum-es-kein-privacy-paradox-mehr-gibt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.mozilla.org\/de\/community\/wenn-sie-online-sind-sind-sie-oeffentlich-oder-warum-es-kein-privacy-paradox-mehr-gibt\/","title":{"rendered":"\u201cWenn Sie online sind, sind Sie \u00f6ffentlich\u201d oder: warum es kein Privacy-Paradox mehr gibt"},"content":{"rendered":"<p>Von Anfang an war Firefox daf\u00fcr gedacht, Menschen ein pers\u00f6nliches und auf die eigenen Bed\u00fcrfnisse zugeschnittenes Online-Erlebnis zu erm\u00f6glichen\u00a0\u2013 und bis heute ist Mozilla der Meinung, dass sich Menschen am besten frei und unbeobachtet im Web bewegen. Jeder soll selbst bestimmen, wieviel er von sich und seiner Pers\u00f6nlichkeit preisgibt oder wie er sich online pr\u00e4sentiert. Man soll ohne Bedenken Dinge entdecken und ausprobieren k\u00f6nnen, die offline (noch) au\u00dferhalb des eigenen Horizonts liegen. Deshalb ist der Schutz der Privatsph\u00e4re seit jeher fest im Firefox-Browser verankert.<\/p>\n<p>Das Internet hat unser Verst\u00e4ndnis von Privatsph\u00e4re im Laufe der Zeit allerdings sowohl online als auch offline dramatisch ver\u00e4ndert. Da wir Privatsph\u00e4re als Kernelement offener Gesellschaften betrachten, hat diese Ver\u00e4nderung auch zu Besorgnis gef\u00fchrt und ist Ausgangspunkt zahlreicher wissenschaftlicher Untersuchungen geworden. \u00dcber genau dieses Thema m\u00f6chten wir unsere Community an dieser Stelle regelm\u00e4\u00dfig informieren und neue Forschungsergebnisse vorstellen.<\/p>\n<p>Ich habe mit Prof. Dr. Spyros Kokolakis gesprochen, dem Dekan der Fakult\u00e4t f\u00fcr Ingenieurwissenschaften an der Universit\u00e4t der \u00c4g\u00e4is in Griechenland. Kokolakis hat bestehende Forschungsmodelle evaluiert, um das sogenannte Privacy-Paradox zu verstehen und zu erkl\u00e4ren. Der Begriff \u201cPrivacy-Paradox\u201d wird verwendet, um den Widerspruch zwischen Bedenken bez\u00fcglich der eigenen Privatsph\u00e4re und dem tats\u00e4chlichen Online-Verhalten zu beschreiben.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-full wp-image-988\" src=\"https:\/\/blog.mozilla.org\/wp-content\/blogs.dir\/278\/files\/2018\/08\/FMB_Privacy_Paradox_Blog.jpg\" alt=\"\" width=\"1200\" height=\"660\" \/><\/p>\n<p><b>Herr Kokolakis, wenn wir \u00fcber unsere Online-Privatsph\u00e4re sprechen, beziehen wir uns auf unterschiedliche Dinge wie Fotos, die wir nicht ver\u00f6ffentlichen wollen, auf Standort-Tracking oder die Bef\u00fcrchtung, dass unser Bankkonto gehackt wird, auf Geheimdienste, die unsere Emails lesen und sogar auf Fake News. Ist das nicht ein bisschen viel Bedeutung f\u00fcr ein Wort?<\/b><\/p>\n<blockquote><p>Es stimmt, dass der Begriff &#8222;Privatsph\u00e4re&#8220; viele verschiedene Gesichtspunkte und Themen zusammenfasst, die unterschiedliche Auswirkungen auf das Leben von Menschen haben k\u00f6nnen. All diese Themen sind jedoch stark miteinander verkn\u00fcpft und selbst wenn Privatsph\u00e4re zun\u00e4chst nur ein vager Begriff ist, beschreibt er doch ganz gut den Umfang der Herausforderung, denen wir uns stellen m\u00fcssen.<\/p><\/blockquote>\n<p><b><br \/>\n<\/b><a href=\"http:\/\/www.hpl.hp.com\/techreports\/2001\/HPL-2001-49.pdf\"><b>Eine Studie aus dem Jahr 2001<\/b><\/a><b> zum Thema Online-Shopping hat zum ersten Mal von einem Privacy-Paradox gesprochen. Die Forscher stellten fest, dass Menschen zwar gro\u00dfe Bedenken hinsichtlich ihrer Privatsph\u00e4re haben, aber nicht entsprechend handeln. Gilt dieser Begriff noch? Ist das Verhalten ein Paradox?<\/b><\/p>\n<blockquote><p>Das Privacy-Paradox beschreibt den Widerspruch zwischen Bedenken in Bezug auf die eigene Privatsph\u00e4re und dem tats\u00e4chlichen Verhalten von Menschen. Dieser Widerspruch existiert immer noch, aber wir k\u00f6nnen ihn mittlerweile erkl\u00e4ren. Tats\u00e4chlich gibt es sogar viele Erkl\u00e4rungen. Das Ph\u00e4nomen sollte allerdings nicht mehr als Paradox bezeichnet werden. Es ist vielleicht eher ein Privacy-Dilemma, denn die Leute m\u00f6chten mehr tun, aber sie wollen auch Dienste nutzen, die ohne ihre Daten gar nicht existieren w\u00fcrden.<\/p><\/blockquote>\n<p><b><br \/>\n<\/b><strong><a href=\"https:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/pmc\/articles\/PMC5046831\/\">Es gibt Umfragen<\/a>, in denen Nutzer gefragt werden, wie hoch sie den Wert ihrer Daten einsch\u00e4tzen. Den Wert ihrer Browser-Chronik setzten Nutzer bei durchschnittlich 7 Euro an, was dem Wert eines Big Mac-Men\u00fcs entspr\u00e4che. K\u00f6nnte es sein, dass die Leute durchaus verstehen, dass sie mit pers\u00f6nlichen Daten bezahlen, aber glauben, dass sie einen fairen Gegenwert bekommen?<\/strong><\/p>\n<blockquote><p>Nun, der Wert von Daten ist schwer zu bestimmen. Es gibt ja keine Art Aktienmarkt f\u00fcr pers\u00f6nliche Informationen, wo der Wert frei ausgehandelt wird. Au\u00dferdem ist der Wert recht flexibel. Aus unternehmerischer Sicht ist er etwa h\u00f6her, wenn ein Datensatz mit anderen Daten kombiniert werden kann, was bedeutet, dass personenbezogene Daten auf funktionaler Ebene mehr wert sind, wenn beispielsweise Google oder Facebook \u00fcber sie verf\u00fcgen.<\/p>\n<p>Hinzu kommt eine zeitliche Komponente: Wenn Sie Informationen jetzt teilen, werden sie lange Zeit online zug\u00e4nglich sein. Es ist schwer vorherzusagen, was ein Datensatz von 2018 im Jahr 2022 wert sein wird, wenn man die Geschwindigkeit und den Fortschritt der Tech-Industrie in den letzten zehn Jahren ber\u00fccksichtigt.<\/p><\/blockquote>\n<p><b><br \/>\n<\/b><strong>Verstehen wir heute etwas anderes unter dem Wort &#8222;privat&#8220;? Wie w\u00fcrden Sie zwischen Online- und Offline-Privatsph\u00e4re unterscheiden?<\/strong><\/p>\n<blockquote><p>Das traditionelle Verst\u00e4ndnis von Privatsph\u00e4re war sehr eng mit einem physischen Raum, wie einem Haus, verbunden. Wenn eine fremde Person durch ihr Fenster geschaut hat, haben die Leute das als Verletzung ihrer Privatsph\u00e4re empfunden. Was sie in ihren H\u00e4usern taten, war privat. Wenn sie genau dasselbe drau\u00dfen in der \u00d6ffentlichkeit taten, war das etwas anderes.<\/p>\n<p>Der Cyberspace unterscheidet sich grundlegend von unserem traditionellen Verst\u00e4ndnis von Privatsph\u00e4re. Mit dem Internet haben wir ein Raumkonzept verloren, das ein Spielfeld f\u00fcr Aktivit\u00e4ten markierte, auf dem wir machen konnten, was wir wollten. Heute gilt: Wenn sie online sind, sind Sie \u00f6ffentlich.<\/p>\n<p>M\u00f6glicherweise ist einer der Gr\u00fcnde, warum die USA die EU-Gesetze zum Datenschutz nicht \u00fcbernommen haben, dass die Privatsph\u00e4re in den USA noch viel st\u00e4rker mit dem Konzept des &#8222;privaten Raums&#8220; verbunden ist als bei uns. Es gibt zahlreiche Urteile von US-Gerichten, die dem Nutzer bescheinigen: Du kannst in \u00f6ffentlichen R\u00e4umen wie dem Internet oder sogar am Arbeitsplatz keine Vertraulichkeit erwarten.<\/p><\/blockquote>\n<p><b><br \/>\n<\/b><strong>Wie konnte es \u00fcberhaupt dazu kommen, dass Unternehmen pers\u00f6nliche Informationen sammeln, ohne gestoppt zu werden? Wurde diese Art von Information damals nicht als pers\u00f6nlich wahrgenommen?<\/strong><\/p>\n<blockquote><p>Wir hatten nicht genug Zeit, um zu reagieren. Die Unternehmen bewegten sich sehr schnell. Facebook ist innerhalb von nur zehn Jahren zum Internetgiganten aufgestiegen. Es ging einfach zu schnell, um die Risiken zu verstehen und zu regulieren. Die EU-Kommission hat Jahre gebraucht, um eine Aktualisierung der Datenschutzverordnung zu entwerfen.<\/p><\/blockquote>\n<p><b><br \/>\n<\/b><strong>Also gibt es keine Hoffnung auf eine wirksame Regulierung?<\/strong><\/p>\n<blockquote><p>So weit w\u00fcrde ich nicht gehen. Das Rechtssystem ist nur sehr langsam und die Leute verstehen auch nur sehr langsam, was es bedeutet, pers\u00f6nliche Informationen mit der \u00d6ffentlichkeit zu teilen. Die Regulierungsbeh\u00f6rden m\u00fcssten viel schneller arbeiten, die Gesetze viel flexibler sein und h\u00e4ufiger aktualisiert werden, um mit der Geschwindigkeit von Technologieunternehmen mithalten zu k\u00f6nnen.<\/p><\/blockquote>\n<p><b><br \/>\n<\/b><strong>Wenn Sie zur\u00fcckblicken, sehen Sie dann einen Wendepunkt? Wann haben Menschen und Aufsichtsbeh\u00f6rden ihre Wahrnehmung von Technologieunternehmen ver\u00e4ndert?<\/strong><\/p>\n<blockquote><p>Ich glaube nicht, dass es einen spezifischen Wendepunkt gab. Ich glaube, es war ein Prozess, der 2006 mit Googles \u00dcbernahme von YouTube begann. Microsoft kaufte Skype 2011, Facebook \u00fcbernahm WhatsApp 2014 und Microsoft kaufte LinkedIn im Jahr 2016. Es gab immer weniger Alternativen und M\u00f6glichkeiten, online zu sein, ohne Daten mit einem dieser gro\u00dfen Unternehmen zu teilen.<\/p><\/blockquote>\n<p><b><br \/>\n<\/b><strong>Was k\u00f6nnte ein Grund daf\u00fcr sein, dass sich Menschen unter 40 weniger Sorgen \u00fcber ihre Privatsph\u00e4re machen, obwohl ihr ganzes Leben online ist, w\u00e4hrend \u00e4ltere Menschen wahrscheinlich weniger private Informationen online teilen?<\/strong><\/p>\n<blockquote><p>F\u00fcr die These, dass sich j\u00fcngere Menschen weniger Sorgen machen, gibt es keine Belege. Richtig ist, dass j\u00fcngere Leute mehr Dinge ver\u00f6ffentlichen, die wir als privat betrachten w\u00fcrden, aber sie tun auch mehr, um sich selbst zu sch\u00fctzen. Und das ist nicht nur eine Frage der Kompetenz.<\/p>\n<p>Junge Menschen m\u00fcssen soziales Kapital akkumulieren, was bedeutet, dass sie eine Identit\u00e4t und ein Netzwerk aufbauen m\u00fcssen. Das ist ein langwieriger Prozess und wenn Sie jung sind, m\u00fcssen Sie schlichtweg mehr tun. Junge Menschen m\u00fcssen \u00fcber sich selbst sprechen, um ihre Pers\u00f6nlichkeit zu formen und sie m\u00fcssen das von ihnen geschaffene Bild testen\u00a0\u2013 Frauen und M\u00e4nner gleicherma\u00dfen, da gibt es keinen nennenswerten Unterschied.<\/p><\/blockquote>\n<p><b><br \/>\n<\/b><strong>Nur wenige Europ\u00e4er haben negative Erfahrungen mit Datenmissbrauch gemacht. Ich gehe davon aus, dass das einer der Hauptgr\u00fcnde ist, wieso sie sich weniger sch\u00fctzen. Aber warum sind sie dann gleichzeitig so besorgt?<\/strong><\/p>\n<blockquote><p>Weil sie nicht nur an sich selbst denken, sondern auch an andere. In der westlichen Welt gilt die Privatsph\u00e4re als Menschenrecht. Es scheint mir offensichtlich, dass wir in L\u00e4ndern, in denen es starke B\u00fcrgerrechtsbewegungen gibt, st\u00e4rkere Bedenken hinsichtlich des Datenschutzes feststellen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Debatte hat viele Parallelen zur \u00f6kologischen Bewegung. Es gibt den Versuch, ein Individuum in einem gr\u00f6\u00dferen Kontext zu verorten und es geht darum, einen Raum f\u00fcr zuk\u00fcnftige Generationen zu bewahren. Das k\u00f6nnte eine Erkl\u00e4rung daf\u00fcr sein, warum wir beispielsweise in Deutschland eine gr\u00f6\u00dfere Besorgnis sehen. Die Deutschen betrachten den Angriff auf ihre Privatsph\u00e4re nicht nur als Risiko f\u00fcr sich selbst, sondern auch als Bedrohung f\u00fcr ihre Gesellschaft und Demokratie.<\/p>\n<p>Und wenn sich die Leute Sorgen machen, wird in den Medien dar\u00fcber berichtet, die Menschen lesen das und werden immer besorgter und so weiter.<\/p><\/blockquote>\n<p><b><br \/>\n<\/b><strong>Wo sehen Sie das gr\u00f6\u00dfte Risiko? Geheimdienste, Tech-Unternehmen oder Cyberkriminalit\u00e4t?<\/strong><\/p>\n<blockquote><p>Geheimdienste und alles, was mit der Regierungen zu tun hat, kann kontrolliert werden, zumindest in demokratischen L\u00e4ndern. Au\u00dferdem k\u00f6nnen Tech-Unternehmen reguliert werden, so wie es jetzt in der EU mit der DSGVO geschieht. Daher glaube ich, dass Cyberkriminalit\u00e4t die gr\u00f6\u00dfere Herausforderung f\u00fcr uns darstellt.<\/p>\n<p>Die gr\u00f6\u00dfte Gefahr besteht allerdings darin, dass Beh\u00f6rden und Technologieunternehmen ihre Rollen nicht getrennt halten. Wir haben bereits gesehen, wie Unternehmen und Geheimdienste Hand in Hand arbeiten und ich glaube nicht, dass das ein gutes Zeichen ist.<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Anfang an war Firefox daf\u00fcr gedacht, Menschen ein pers\u00f6nliches und auf die eigenen Bed\u00fcrfnisse zugeschnittenes Online-Erlebnis zu erm\u00f6glichen\u00a0\u2013 und bis heute ist Mozilla der Meinung, dass sich Menschen am besten frei und unbeobachtet im Web bewegen. Jeder soll selbst bestimmen, wieviel er von sich und seiner Pers\u00f6nlichkeit preisgibt oder wie er sich online pr\u00e4sentiert. 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