So war’s beim MozFest 2018

So war’s beim MozFest 2018

Seien wir ehrlich: Die meisten Event-Berichte klingen irgendwie gleich. Zumindest beginnen sie immer ziemlich ähnlich: „Zum soundsovielten Mal fand das Event statt, es wurden eine ganze Menge Tickets verkauft und nach mehreren Tagen voller Sessions, Workshops and Panel-Diskussionen kam die gesamte Belegschaft auf der Abschluss-Slash-Networking-Party zusammen, um sich gemeinsam über den Erfolg zu freuen und schon die ersten Pläne für das nächste Jahr zu machen.“ Beim diesjährigen MozFest im Londoner Ravensbourne College war das grundsätzlich nicht anders. Und doch würde ein Recap nach Schema F Mozillas hauseigenem Festival nicht gerecht werden – weil alles einfach ein kleines bisschen anders ist als bei den meisten anderen Konferenzen. Vielleicht, weil es besonders familiär zugeht. Und weil ein großer Teil der Organisation von wahnsinnig engagierten Freiwilligen durchgeführt wird. Oder auch, weil hier die unterschiedlichsten Menschen zusammenkommen, um gemeinsam herauszufinden, wie wir das Web für alle besser machen können. Aber ganz egal, was das MozFest nun so besonders macht: Was mit dem womöglich ersten Rap, der das Wort “Innovation” beinhaltet, beginnt, kann einfach nicht mit 08/15 enden. Deshalb lassen wir an dieser Stelle sieben unserer allerliebsten Kollegen zu Wort kommen.

Anja, Social Strategist

Mein erstes MozFest. Ich hatte schon so viel darüber gehört und bin voller Vorfreude nach London gereist. Trotzdem hat es alle meine Erwartungen übertroffen. Wir leben in einer Zeit, da man morgens beim Nachrichtenlesen gerne mal den Kopf in den Sand stecken möchte. Gerade deshalb haben mich die Menschen auf dem MozFest, ihre Arbeit und ihre Inspiration so bereichert und mich daran erinnert, dass es sich lohnt, Hoffnung zu haben. Da sitzt man zum Beispiel in einer Session mit Jon Rogers und Julia Kloiber, beide Fellows der Mozilla Foundation, und imaginiert eine Zukunft, in der man gerne leben möchte – und arbeitet sich dann schrittweise zurück, um herauszufinden, was eigentlich passieren müsste, damit diese Zukunft Realität werden kann. Und dabei stellt man fest: Das ist keine Illusion – oder es muss zumindest keine bleiben. Es ist machbar. Wenn wir gemeinsam daran arbeiten und vielleicht auch mal einen Extra-Schritt gehen.

Oder man hört Camille Francois, Guillaume Chaslot, Alondra Nelson und Clinton Watts über künstliche Intelligenz und deren Einfluss auf Gesellschaft, Politik und Wirtschaft sprechen und stellt dabei fest: „Ja, wir müssen mitdenken, Nutzer und Entwickler gleichermaßen. Vieles ist einschüchternd und chaotisch. Aber Schwarzmalen hilft nicht. Wir können versuchen zu verändern, zu formen, zu gestalten. Wir können!“

Dieses Jahr feierte das MozFest seinen neunten Geburtstag. Gewachsen ist es seit dem ersten Event ganz sichtbar, der Spirit ist aber derselbe geblieben: Man ist umgeben von Tatendrang, von visionären Konzepten, aber auch einer klaren, nicht von einer rosa Brille verdeckten Sicht auf die Welt. Ganz besonders nicht heutzutage, wo auch Nutzern, die sich sonst kaum mit Datenschutz, Online-Sicherheit und der Zukunft des Webs beschäftigen, klar wird, dass wir an einer Weggabelung angekommen sind. Dementsprechend haben sich auf die Themen des MozFest seit der ersten Ausgabe in Barcelona 2010 verändert – unübersehbar bei den Sessions, aber auch bei der Speaker Series.

 

Kevin, Comms Manager & Speaker Series Designer

Die Speaker Series beim MozFest 2018 war eindeutig die dynamischste, die wir jemals hatten. Es gab sieben Talks von Einzelpersonen und vier Panels, in denen etwa Kollateralschäden von KI oder Daten in repressiven Regimen behandelt wurden. Unter den Teilnehmern waren Privatsphäre-Forscher, ein ehemaliger FBI-Agent, Experten für Desinformation und der Erfinder des World Wide Webs. Die verschiedenen Talks und Panels, die über das Wochenende verteilt stattfanden, motivierten die Besucher auch, selbst Code zu schreiben, Ideen auszutauschen oder eigenen Kampagnen zu starten, um das Internet zu einem besseren Ort zu machen.

Still dasitzen und von früh bis spät nur zuhören war beim MozFest aber auch in diesem Jahr nicht angesagt. Die Besucher konnten sich an über 320 Workshops, Sessions und anderen Formaten beteiligen, brainstormen und ihren Beitrag leisten.

 

Jan-Erik, Telemetry Engineer

Nachdem ich vom letzten MozFest nur Gutes gehört hatte, habe ich mich auf meinen ersten persönlichen Besuch dieses Jahr sehr gefreut. Als ich dann am Samstagmorgen bei der Location ankam, wurde mir direkt klar, dass diese Konferenz wirklich etwas anders ist als all die anderen, auf denen ich bisher war: Über neun Stockwerke und verschiedene Themenecken hinweg präsentierten die unterschiedlichsten Leute ihre Arbeit, ihre Projekte und Ideen. Ganz ohne besondere Vorbereitung und auch ein bisschen überwältigt stürzte ich mich daraufhin in Sessions, in denen beispielsweise interplanetarische Kommunikationstools, auf Satellitenbildern basierender Daten-Journalismus oder die Frage, ob und wie wir jeglichen digitalen Content als historisches Artefakt in dieser sich ständig verändernden Welt erhalten sollten, diskutiert wurden.

Was mir an all diesen Sessions besonders gut gefallen hat: Technologie wurde nicht als die eine Lösung für alle Probleme dargestellt. Sie kann zwar Ausgangspunkt für Lösungen, die wir entwickeln, für neue Funktionen oder für die Frage, welche Daten wir erheben, sein; gleichzeitig müssen wir aber auch ihre Umsetzung kritisch evaluieren. Nächstes Jahr möchte ich auf jeden Fall wiederkommen!

 

Auch wenn das MozFest ganz im Zeichen von Tech, von technologischen Lösungen, Ansatzpunkten und ja, auch von Tech-bezogenen Herausforderungen steht, war das thematische Spektrum in diesem Jahr groß wie nie. Kein Wunder, schließlich ist Technologie inzwischen ein ganz wesentlicher Teil unseres alltäglichen Lebens, das sich nicht länger in rein digital und eindeutig analog aufsplitten lässt. Und das stellt uns an der einen oder anderen Stelle auch vor neue ethische Fragen, die beim MozFest keineswegs unter den Tisch fielen.

 

Alice, Media & Issues Public Relations Manager

In den letzten Tagen haben mich unheimlich viele Leute gefragt, wie es beim MozFest war, was ich erlebt habe und was meine persönlichen Highlights waren. Gar nicht so leicht zu beantworten, bei über 300 Sessions! Die Intro von MysDiggi war natürlich großartig und Mitchell Baker und Mark Surman über Mozilla und das MozFest sprechen zu hören, sehr inspirierend.

Richtig spannend fand ich aber auch das Thema Consent Management: Wir meinen ja eigentlich alle, dass unser heutiges WebAd-System nicht ganz im Lot ist. Als Nutzer finden wir es regelrecht gruselig, von Trackern durchs Web verfolgt zu werden, die Informationen über uns sammeln, an andere weitergeben und ganze Profile über uns erstellen. Es ist einfach too much. Deshalb nutzen immer mehr Leute Tracking-Schutz. Und so schadet dieses aggressive System am Ende auch von Werbeeinnahmen lebenden Publishern, weil weniger Ads ausgespielt werden das wiederum zu AdFraud durch Bots einlädt, was den Wert der Werbeplätze mindert. Wie damit umzugehen ist, wird momentan intensiv diskutiert, dabei könnte es ganz einfach sein: Für Werbetreibende und Publisher sollte ganz oben auf der Tagesordnung stehen, das Vertrauen der Nutzer wieder aufzubauen, um ihre Bereitschaft zu steigern, Daten bewusst und kontrolliert zu teilen, um Publisher zu unterstützen, die sie gut finden. Darüber und sein Projekt Global Consent Manager hat mein Kollege Don Marti beim MozFest gesprochen.

Der Global Consent Manager

Das Projekt Global Consent Manager, das vom Reynolds Journalism Institute gesponsert wird, ist eine Browser-Erweiterung, mit deren Hilfe Nutzer ihre Privatsphäre-Einstellungen verwalten können. Dafür greift die Erweiterung auf ein bereits bestehendes Open-Source-Standardformat zurück (den “Consent String”, der von IAB Europe entwickelt wurde), das für teilnehmende Webseiten oder Verlage maschinenlesbar ist. Und so funktioniert die Erweiterung: Seit dem Inkrafttreten der DSGVO im Mai 2018 werden Nutzer beim erstmaligen Besuchen einer Webseite per Pop-up gefragt, ob sie Cookies akzeptieren möchten. Klicken sie “ok” an, folgen ihnen Tracker auf der entsprechenden Seite oder auch darüber hinaus, wenn der Verwendung auch auf Folgeseiten zugestimmt wird. Wird die Erweiterung Global Consent Manager verwendet, erscheint das Pop-up beim ersten Seitenbesuch dagegen nicht, weil das Tool einen vorläufigen Consent String generiert, der keine Zustimmung gibt. Denn: Hier geht es einzig und allein um Vertrauen. Zeigen Nutzer, dass sie einer Seite vertrauen – beispielsweise, indem sie sie regelmäßig besuchen, löscht die Erweiterung den Consent String und gibt die Möglichkeit, die Privatsphäre-Einstellungen ganz einfach anzupassen. Unsere ersten Untersuchungen zeigen eine deutliche erhöhte Zustimmung. Das Projekt ist übrigens Teil unserer umfassenden Arbeit bei Mozilla an verbessertem Tracking-Schutz, zu dessen Zweck wir mit Verlagen, Marken und anderen Akteuren kooperieren. Was unseren Ansatz, Online-Werbung neu zu erfinden, von anderen unterscheidet, ist der Umstand, dass wir uns nicht nur auf eine Lösung fokussieren – wie ein Whitelisting-Programm oder Krypto-Währung. Stattdessen entwickeln wir Tools (für den Browser und für Server), mit deren Hilfe Menschen frei entscheiden können, ob und wann sie ihre Informationen teilen – ein klarer Vorteil für Webseiten, denen Nutzer vertrauen.

Don Marti, Open Innovation Strategist

Viele Sessions und Talks drehten sich in diesem Jahr um Vertrauen und Ethik – so ist das MozFest gewissermaßen immer Spiegel seiner Zeit. Auch Kasias Workshop gehörte dazu. Hier stand die Frage im Mittelpunkt, wie man ein Unternehmen aufbaut, das sich nicht auf ethisch fragwürdige Weise finanziert – und dabei erfolgreich ist:

 

Kasia, „Internet Health Report“ Project Manager

Im Rahmen meines Open-Leadership-Trainings beschäftige ich mich mit der Frage nach alternativen Finanzierungs- und Entscheidungsstrukturen in Technologieunternehmen, die über das traditionelle Modell (und den Druck) von VC-Finanzierung hinausgehen. In meiner MozFest-Session wollte ich die Teilnehmer in Diskussionen darüber einbinden, wie man über maximierten Gewinn einen Anreiz schafft, um Unternehmensentscheidungen mit deren ursprünglicher Mission und ihren Werten in Einklang zu bringen. Nicht nur, weil es das Richtige ist, sondern weil es mit Finanzierung und Geschäftsmodell in Einklang steht. Wir sprachen über die bestehenden Modelle wie “Steward Ownership” oder “Platform Cooperative”, aber wir arbeiteten auch an konkreten Fällen, um mit neuen Ideen zu experimentieren. Ich war positiv überrascht, wie viele Teilnehmer ich bei meiner Session begrüßen durfte und ich glaube, dass das deutlich gezeigt hat, welch großer Diskussionsbedarf besteht. Wir müssen konkret besprechen, wie wir das derzeit kaputte Online-Wirtschaftssystem so verändern können, dass es endlich zum Nutzen unserer Gesellschaften und nicht nur zu dem einiger weniger Investoren beiträgt.

Dinge anders angehen – ja, das ist nicht nur das Stichwort zum MozFest, sondern sollte auch der Ausgangspunkt dieses kleinen Racaps sein. Und trotzdem kommen wir an den einen Punkt, der irgendwie nie ausbleibt: Um die ganze Bandbreite der Konferenz abzudecken, reichen Platz und Zeit einfach nicht aus. Da waren Sessions, in denen verlorene Tudor-Schätze mithilfe von A-Frame wiederentdeckt wurden, Brainstorms rund um die ideale queere Dating-App oder die Dezentralisierung von Machine Learning. Und um all das herum gab es auch noch das MozFest House, das seine Türen bereits in der Woche vor dem MozFest öffnete, denn: Manchmal ist ein Wochenende einfach nicht genug!

 

Solana, „Internet Health Report“ Editor

Zu meinen liebsten Sessions gehörten die Misinfocon im MozFest House in der Woche vor dem Event-Wochenende und die ganztägigen Gespräche mit dem Forschungs- und Entwicklungsteam der BBC zur Frage, wie man “ein öffentlich-rechtliches Internet” erschafft. Dabei habe ich gelernt, was Stadtverwaltungen machen, um ein gesünderes Web für ihre Bürger zu kreieren oder wie Ranking Digital Rights derzeit überlegt, ihren Corporate Responsibility Index zu erweitern. Am Wochenende kam dann auch meine Tochter dazu und hatte viel Spaß im “Kids Makerspace” in der “Youth Zone” des MozFest, wo sie einen Papp-Roboter gebaut und eine ganze Menge andere tolle Sachen gesehen hat.

 

Cathleen, Global Engagement Lead

Mit seinen vielen verschiedenen Nebenveranstaltungen und weit darüber hinaus war das MozFest in diesem Jahr eines der besten, die ich bisher besucht habe: Es war eine ganze Menge los, informationsgeladen und regte zum Nachdenken an, war auf Gemeinschaft auslegt und bot so viel Spaß – in vielen, farbenfrohen Facetten. Tatsächlich war ich so damit beschäftigt, mich mit anderen auszutauschen und an Sessions teilzunehmen, dass ich kaum auf mein Smartphone geschaut habe – das ist Abschalten auf die bestmögliche Weise. Mein persönliches Highlight war übrigens, dass ich das Screening der ausgezeichneten Doku “The Cleaners” hosten durfte – nicht zuletzt, weil mir in der daran angeschlossenen Diskussionsrunde gleich eine ganze Reihe weitere Themen eingefallen sind, die die Regisseure der Doku untersuchen und darstellen könnten.

“Wenn ich etwas ganz besonders mitgenommen habe vom MozFest 2018 in London dann ist es wohl das: Es gibt kaum einen Ort, an dem Technologie mit so viel Freude und Zuversicht begegnet wird, ohne dabei die notwendige Skepsis hinsichtlich der Auswirkungen für die gesamte Menschheit außen vor zu lassen”, erklärt uns Anja zum Abschluss. “Alles wird durch die so häufig fehlende emphatische Linse betrachtet: ‘Was das für mich bedeutet, ist nicht zwingend dasselbe, was es für andere bedeutet — also, wie können wir dafür sorgen, dass wir allen helfen und niemandem schaden?’ — Diese Art des Denkens vermisse ich so häufig in gesellschaftlichen Debatten, aber das MozFest gibt mir wieder Hoffnung.”