Selbstverteidigung mit dem Fuchs: Das war die „Fit und Sicher“ Deutschlandtour 2018

von Alice Fleischmann

Selbstverteidigung mit dem Fuchs: Das war die „Fit und Sicher“ Deutschlandtour 2018

von Alice Fleischmann

User aufzuklären und ihnen praktische Hilfestellung für den Online-Alltag (und darüber hinaus) mitzugeben, hat sich Mozilla ganz groß auf die sprichwörtliche Fahne geschrieben. „Menschen müssen das Internet und ihr eigenes Erleben darin gestalten können“, lautet beispielsweise das fünfte von inzwischen 14 Prinzipien, die wir als Mozilla Manifest bezeichnen. Bewusste Entscheidungen treffen und aktiv mitgestalten kann allerdings nur, wer das nötige Hintergrundwissen hat. Aus genau diesem Grund hat das Mozilla-Team in diesem Herbst erneut das Konzept ‘Firefox Self-Defense’, ursprünglich entwickelt von Amira Dhalla, als Veranstaltungsserie ‘Fit und sicher im Web – und offline’ aufgegriffen und an Nutzerinnen in Berlin, Hamburg, Köln und München gebracht.

„Einmal hat jemand mein Facebook-Konto gehackt und angefangen, alle möglichen komischen Seiten zu liken. Das war ziemlich peinlich und ich habe es auch nur gemerkt, weil mich meine Freunde darauf angesprochen haben.“ Viele Geschichten und Fragen der Teilnehmerinnen von Fit und Sicher im Web – und Offline, in allen vier Städten, drehen sich um Social Media. Oder darum, wie man seine Online-Accounts absichert und notfalls wieder zurückbekommt, wenn sie infiltriert wurden. Tracking-Profile und Filterblasen kennen nahezu alle aus eigener Erfahrung – und sind doch überrascht, vereinzelt sogar schockiert, welche Daten(mengen) über sie im Web gesammelt werden und was damit passiert. Nach drei Tagen auf Tour quer durch Deutschland sind wir sicher: Es braucht solche interaktiven Formate, viel öfter, viel mehr, im ganzen Land und sicherlich auch darüber hinaus.

Zweieinhalb Stunden dauert der Workshop, der sich aus Online-Sicherheitstraining und Krav-Maga-Schnupperkurs, selbstverständlich durchgeführt von echten Expert*innen für Selbstverteidigung, zusammensetzt.

„Social Media ist ein wichtiger Teil unseres Alltags geworden und auch im beruflichen oder schulischen Kontext kommen die meisten von uns ohne das Web nicht mehr aus“, erklärt Barbara Bermes, Produktmanagerin für die mobilen Firefox-Browser, die die Tour begleitet hat. „Online- und Offline-Welt lassen sich allerdings heute nicht mehr so einfach voneinander trennen. Wir möchten den Nutzer*innen zeigen, dass Sicherheit und die Möglichkeit, sich zu verteidigen, in allen Bereichen unseres Lebens wichtig sind und ihnen einfache, aber wirkungsvolle Tipps an die Hand geben.“

„Aber für meine Daten interessiert sich doch keiner“ – und andere moderne Märchen

„Wie viele von euch haben schon mal ein Passwort wie ‚Passwort123‘, euren Geburtstag oder den Namen eurer Lieblingsband benutzt?“ – fast alle Hände heben sich, in jedem der Workshops, in allen vier Städten. „Wisst ihr, wieso solch ein Passwort unsicher ist?“ Kopfschütteln, Achselzucken. „Selbst wenn niemand das Passwort erraten kann, ist es für einen Algorithmus supereasy, es zu knacken. Deshalb solltet ihr es ihm besonders schwer machen“, macht Barbara klar. In den Workshops besprechen wir, wie ein sicheres Passwort aussehen kann und wieso es auch für Otto-Normal-Nutzerin sinnvoll ist, sich einen Passwort-Manager zuzulegen. Auch wenn viele User immer wieder von Hacks und Datenlecks hören, glauben sie doch nicht, davon einmal betroffen zu sein. Schließlich seien sie nicht berühmt und daher uninteressant, hört man bei der Fit und sicher-Tour immer wieder aus dem Publikum. Dabei lassen sich auch die Daten ganz gewöhnlicher Nutzer*innen, unabhängig von ihren demografischen Merkmalen, gewinnbringend im Web handeln und mit ihren Accounts eine Menge Unsinn anstellen.

Mit auf Tour ist auch Bea la Panthere. Die erfolgreiche Lifestyle-Bloggerin bewegt sich tagtäglich im Web, in verschiedenen sozialen Netzwerken und hat sich vor vier Jahren mit ihrer Website selbständig gemacht. Was die neue, volldigitalisierte Welt mit sich bringt, weiß sie als Online-Persönlichkeit ganz genau und möchte ihre Expertise unbedingt mit anderen teilen: „Mit der Tour wollen wir vor allem Bewusstsein schaffen. Bewusstsein dafür, welche Chancen das Internet bringt, aber auch, welche Risiken es birgt. Und die steigen eindeutig, je mehr man online ist. Weil man mehr von sich preisgibt und dadurch eine größere Zielscheibe wird. Datenpannen und Hacks beispielsweise können Dich eher betreffen, wenn Du besonders viele Accounts hast. Und auch Dein Tracking-Profil wächst, je mehr Du im Internet surfst.“ Lediglich Angst zu schüren und zu Vorsicht zu mahnen kann hier jedoch nicht der Weg der Wahl sein – ganz besonders nicht für eine unabhängige Organisation wie Mozilla, die dafür kämpft, das Internet als weltweite, offene und für jeden nutzbare Ressource zu erhalten. Es ist sind praktische Ansätze gefragt, konkrete Beispiele, um die Lage einschätzen und individuelle Entscheidungen treffen zu können. Und natürlich auch Produkte wie Firefox, die einen bewussten Umgang mit dem Web vereinfachen.

Das Unbehagen beim Surfen im Internet steigt, wenn auch unbewusst

„Ich habe mir letztes Jahr einen Hund gekauft“, erzählt Bea. „Es ist ein Viszla-Labrador-Mix, also eine eher spezielle Rasse. Natürlich habe ich immer wieder Produkte und Informationen gesucht, die damit zu tun haben. Und eines Tages tauchte dann in meinem Facebook-Feed eine Werbung von einem Möbelhaus auf, in der ein Sofa mit genau so einem Hund darauf gezeigt wurde. Dass das komisch ist, fiel mir auf, als ich später bei einer Freundin war, der dieselbe Anzeige ausgespielt wurde, allerdings mit einem Dalmatiner. Ich muss euch jetzt wahrscheinlich nicht erzählen, was für einen Hund sie hat…“ Einige Teilnehmerinnen schütteln die Köpfe, andere kichern ungläubig. Das sind die Beispiele, die Nutzer*innen jeden Tag erleben, die sie Tracking gruselig finden lassen, auch wenn sie gar nicht wissen, was genau geschieht. Schlimmer wird es noch, wenn die Informationen offenbar gar nicht aus einer bewussten Online-Suche stammen: „Ich habe mich mal mit meiner Mutter über einen Toilettenreiniger unterhalten. Mein Handy lag daneben. Am nächsten Tag bekam ich plötzlich auf verschiedenen Webseiten Werbung dazu angezeigt“, erzählt eine Teilnehmerin. Alle schmunzeln. Werbung für Toilettenreinigung ist sicherlich harmlos, doch langsam wird das steigende Unbehagen der Teilnehmerinnen gegenüber Tracking und Cookies sichtbar. Sie zeigen sich ehrlich überrascht darüber, welche Daten da so über sie zusammengetragen werden. Darüber, dass sie Webseiten und Suchmaschinen unbewusst, aber ganz freiwillig damit füttern. Und sie fühlen sich überwacht.

„Das soll jetzt nicht bedeuten, dass Cookies per se schlecht sind“, sagt Barbara. „Webseiten nutzen sie auch, um ein besser auf euch zugeschnittenes Ergebnis zu liefern. Aber der Punkt ist, dass ihr aktiv darüber entscheiden können solltet, welche Informationen ihr über euch teilt und auch, wofür sie eingesetzt werden.“ Denn das ist nicht immer zum Guten. Aufdringliche oder stark personalisierte Werbung ist noch ein vergleichsweise harmloser Fall. Denn letztlich begünstigen besonders detaillierte Tracking-Profile – umfassende Informationssammlungen, die eine ganze Menge Rückschlüsse über den oder die Einzelne*n zulassen – auch Filterblasen.

Mit mehr Privatsphäre gegen Filterblasen und Desinformation

Als Filterblase bezeichnet man „eine Isolation gegenüber Informationen, die nicht dem Standpunkt des Benutzers entsprechen“ (so die Wikipedia). Diese entsteht, wenn Nutzer*innen nur diejenigen Informationen angezeigt werden, die ein Algorithmus aufgrund vorhandener individueller Informationen als interessant für die jeweilige Person einstuft. Nun dürfte jedem einleuchten, dass es problematisch sein kann, wenn Nutzern nicht mehr das ganze Spektrum an Informationen angezeigt wird, sondern nur ein kleiner Ausschnitt. Weil sie dadurch etwas verpassen und einseitig informiert werden. Und das kann wiederum auch die Verbreitung von Desinformation fördern. „Aber wenn ich etwas lese, das mir komisch vorkommt, überprüfe ich das doch mit anderen Medien und Beiträgen!“, widerspricht eine Teilnehmerin. Ein berechtigter Einwand; doch zeigt das regelmäßige Aufkommen von sogenannten ‚Fake News‘, dass unsere kollektive Wahrnehmung so leider nicht immer funktioniert.

„Sicher gibt es Nutzer, die Informationen genau überprüfen. Viele neigen allerdings eher zu Bequemlichkeit – das liegt einfach in der Natur des Menschen. Außerdem kann Desinformation gezielt genutzt werden, um Menschen zu beeinflussen, beispielsweise indem man bestehende Glaubenssätze aufgreift und instrumentalisiert“, erklärt Tana Schulte. Tana ist Psychologin und unterrichtet seit mehreren Jahren Krav Maga. Sie bildet auch neue Trainer*innen aus. Krav Maga ist viel mehr als anwendungsorientierte Selbstverteidigung. Der Ansatz von You Can Fight!, dem Verband, für den sie tätig ist (wie auch Katrin, Chris und Andreas, mit denen Mozilla die Events in Hamburg, Köln und München durchgeführt hat), hat es sich zum Auftrag gemacht, Menschen stark zu machen. Das Selbstverteidigungstraining, das sich für Personen jeden Alters und auch Geschlecht eignet und bei dem Körpergröße, Fitness oder Vorerfahrung keine nennenswerte Rolle spielen, gibt Sicherheit, fördert Reflexe, die Fähigkeit, Situationen richtig einzuschätzen und es stärkt das Selbstbewusstsein.

Wie sicher ist sicher genug?

Absolute Sicherheit gibt es nicht. Nicht online und nicht in der analogen Welt. Tana rät den Teilnehmerinnen daher, sich auf keine unnötig langen Kämpfe einzulassen, sondern bei der ersten Möglichkeit zu fliehen. Für das Internet kann das natürlich keine Lösung sein. Hier sieht sie ein wenig anders aus: Bewusstsein und die Bereitschaft, auch mal den unbequemen Weg zu gehen, sind der Schlüssel. Sich bestmöglich abzusichern und für jeden Account ein eigenes Passwort zu verwenden. Bei Firefox Monitor anmelden, um direkt mitzubekommen, wenn doch einmal Handlungsbedarf besteht. Aktiv zu entscheiden, welche Webseiten uns tracken und Cookies hinterlassen dürfen. Die Zugriffsmöglichkeiten von Apps genau zu prüfen und dort zu verweigern, wo infrage steht, weshalb die Anwendung überhaupt darum bittet. Und alternative Produkte – Suchmaschinen, Browser, Messenger, E-Mail-Dienste – nutzen, die mehr als Gewinnmaximierung im Sinn haben. Damit das Web wirklich eine offene Plattform bleibt, auf der wir uns alle zuhause und sicher fühlen können.